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Nationaltrainer Bingisser ordnet ein

Bei Steinstoss Admin

Gastbeitrag von Martin Bingisser 

 Bio:  Martin ist ehemaliger Schweizer Hammerwerfer und heute Nationaltrainer Hammerwurf. Zwischen 2009 und 2020 gewann er elf Schweizer Meistertitel im Hammerwurf, nahm 16-mal für die Nationalmannschaft teil und erreichte 2014 den 21. Platz bei den Europameisterschaften. Seine Bestweite von 67,90 m brachte ihm Rang 8 der Schweizer Allzeitliste und eine Platzierung unter den Top 100 der Welt. Neben Rugby, wo er 2023 Schweizer Meister wurde, erzielte er auch Spitzenresultate im Steinstossen und Kugelstossen.

Steinstossen ist Traditionssport. Aber wie bei jeder Tradition gilt: Damit sie fortbestehen kann, muss sie sich einerseits entwickeln und andererseits ihren Charakter bewahren. Wenn man das Steinstossen in den letzten 15 Jahren betrachtet, ist vieles gleich geblieben: die Kameradschaft, der Geist usw. Doch auch vieles hat sich verändert – angefangen bei einem dichteren, kompetitiveren Feld von Athleten, mehr Fans und vor allem weiteren Stössen.

Ich habe meine ersten Erfahrungen am ESAF 2010 gesammelt: mein Ergebnis damals war so bescheiden, dass ich eineinhalb Jahrzehnte brauchte, um wieder auf dieser Bühne zurückzukehren. Peter Michel war der dominierende Stösser zu dieser Zeit, nachdem er nicht nur das ESAF 2007 gewonnen hatte, sondern den Titel 2010 mit 3,69 m erfolgreich verteidigte. Das ist eine unglaubliche Leistung, aber die Athleten im Glarnerland lassen es alltäglich erscheinen. Urs Hutmacher gewann die Qualifikation mit einem Rekord von 4,16 m, und drei Athleten erreichten im Finale 3,90 m. Büchenbacher schaffte mit 3,73 m nicht einmal den Finaleinzug – 2010 hätte das noch locker zu einer Spitzenplatzierung gereicht.

Der Fortschritt zeigt sich auch daran, dass damals 3,47 m für den zweiten Platz reichten während dieses Jahr gleich zwölf Athleten auf diese Weite oder weiter stiessen. Gleichermassen belegte 2010 Hunziker mit 3,14 m den 8. Platz, während diesmal zwanzig Athleten diese Marke erreichten. Diese Zahlen verdeutlichen, wie sehr sich das Leistungsniveau in allen Disziplinen gesteigert hat.

In den letzten 15 Jahren sind die Leistungen gleichsam explodiert: wie das Schwingen so wird auch das Steinstossen heute professioneller betrieben denn je: Die Athleten sind getrieben weiter zu werfen;  wenn sie sehen, dass ein Athlet Erfolg hat und sich an die Rekorde tastet, folgen sie seinem Beispiel. Sportliche Konkurrenz macht alle besser. Hutmacher und Betschart sind auf unterschiedliche Weise Paradebeispiele dafür.  Hutmachers Rekorde mit dem Unspunnenstein (4,16 m) und dem Mythenstein (5,06 m) sind die Früchte jahrelanger Professionalität und akribischer Vorbereitung. Dass gleich drei Stösse jenseits der 4-Meter-Marke in Mollis fielen, ist historisch: In den 220 Jahren zuvor gab es nur einen einzigen – Markus Maire mit 4,11 m am ESAF 2004 in Luzern.

Betschart steht für eine neue Generation, die diesen Sport dank des beschriebenen Athletik-Booms für sich entdeckt hat. Inspiriert durch Athleten wie Hutmacher und getragen von Remo Schulers 16-jähriger Erfahrung konnte Betschart sein Potenzial am Sonntag auf eindrücklichste Weise entfalten. Die Top-Stösser und Routiniers der vergangenen Jahre wie Schuler oder Laimbacher haben gerade auch durch ihre Arbeit als Trainer und Mentoren den Traditionssport weg von der Autodidaktik und näher an den Spitzensport gebracht.  Zusammen mit der harten Arbeit der Funktionäre (wie Hasler, Laimbacher, Rytz, oder Sommer), die sich für die Entwicklung des Steinstossens einsetzen, mehr Wettkämpfe schaffen und historische Anlässe standardisieren, erfindet sich der Traditionssport als Spitzensport.

Herzlichen Glückwunsch an alle Athleten – und lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass dieser Sport weiterhin wächst und gedeiht.